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Digitalisierungsmanager werden

Nach der Ausbildung direkt ins Digitalisierungsmanagement?

· 8 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Junger Mann Mitte 20 mit Gesellenbrief in der Hand, nachdenklich vor einem Fenster mit Stadtblick

Nach der Ausbildung direkt ins Digitalisierungsmanagement zu wechseln klingt nach dem perfekten Shortcut: frisch ausgebildet, Kopf voller Wissen, Energie für Neues. In der Realität ist es komplizierter. Du kannst die Weiterbildung direkt nach der Ausbildung machen, und sie wird dir sogar einiges bringen. Aber ob du damit direkt einen guten Job findest, hängt davon ab, welche Ausbildung du gemacht hast und wie ehrlich du mit dir selbst bist.

Ich sehe in meinen Beratungsgesprächen regelmäßig junge Leute zwischen 20 und 25, die direkt nach Gesellenprüfung oder IHK-Abschluss den Schritt gehen wollen. Manche sollten warten. Andere sollten genau jetzt starten. Der Unterschied liegt nicht im Alter, sondern darin, wie nah dein Ausbildungsberuf am Zielberuf liegt und ob du schon Prozessverständnis mitbringst. Dieser Artikel zeigt dir beides ehrlich.

Formal ja, praktisch selten sinnvoll

Formal kannst du direkt nach der Ausbildung Digitalisierungsmanager werden. Die Weiterbildung zum Digitalisierungsmanager setzt keine Berufserfahrung voraus. Du brauchst keinen Abschluss, keine Programmierkenntnisse, kein Mindestalter. Wer teilnehmen darf und wer die 720 Unterrichtseinheiten mitmacht, hat am Ende das DEKRA-Trägerzertifikat in der Hand.

Praktisch ist die Antwort nuancierter. Die Rolle eines Digitalisierungsmanagers lebt davon, dass du Geschäftsprozesse verstehst, bevor du sie automatisierst. Du musst wissen, wie ein Rechnungseingang aussieht, warum ein Mahnlauf scheitert, wie Freigaben in einem Unternehmen funktionieren, was passiert, wenn der Chef krank ist. All das lernst du nicht im Kurs. Du lernst es nur, indem du zwei bis drei Jahre in einem Betrieb arbeitest und siehst, wie Arbeit wirklich abläuft.

Das ist der Grund, warum ich den meisten 22-Jährigen im Beratungsgespräch sage: Arbeite erst ein paar Jahre im gelernten Beruf, dann mach den Kurs. Du bist danach nicht langsamer, du bist besser.

Ausbildungen mit kurzer Distanz zum Ziel

Es gibt Ausbildungen, die praktisch das Vorfeld zum Digitalisierungsmanagement sind. Wer eine davon gemacht hat, ist nach zwei Jahren Berufspraxis fast automatisch bereit für den Wechsel.

AusbildungsberufNähe zum ZielWas du schon mitbringst
Fachinformatiker AnwendungsentwicklungHochDatenbanken, APIs, Logik
Fachinformatiker SystemintegrationHochInfrastruktur, Server, Netze
Kaufmann für BüromanagementHochProzesse, Dokumente, Abläufe
IndustriekaufmannHochBetriebsabläufe, SAP, Bestellwesen
BankkaufmannMittel bis hochRegulatorik, Dokumentation, Datenschutz
SteuerfachangestellterMittel bis hochDATEV, Belegdisziplin, Strukturen
Kaufmann im Groß- und AußenhandelMittelLogistik, Warenwirtschaft
Kaufmann für IT-System-ManagementHochIT-Prozesse, Beratung
Medienkaufmann Digital und PrintMittelWorkflow-Software
Handwerksberufe (z.B. Elektriker, Mechatroniker)Niedrig bis mittelTechnisches Denken, kein Büroalltag

Wenn du eine Ausbildung aus der oberen Hälfte der Tabelle abgeschlossen hast, ist der Sprung kleiner. Wer Fachinformatiker ist, kennt schon das halbe Vokabular des Kurses. Wer Industriekaufmann ist, hat SAP, Prozesse und Budgetdenken mitgebracht. Diese Leute brauchen keine zwei Jahre Wartezeit. Ein Jahr Berufserfahrung reicht oft.

Wenn du aus einer rein handwerklichen Ausbildung kommst, ist der Sprung größer. Das ist kein Ausschluss, aber du solltest realistisch sein. Lies dazu den Beitrag Quereinstieg aus dem Handwerk.

Warum zwei Jahre Praxis so viel ausmachen

Der größte Nachteil direkt nach der Ausbildung ist nicht dein Wissen, sondern dein Erfahrungshorizont. Du hast in der Ausbildung gelernt, wie etwas im Lehrbuch steht. Du hast noch nicht gelernt, wie es wirklich läuft, wenn ein Kollege krank ist, der Chef nervös wird, das System hakt, der Kunde tobt.

Genau diese Erfahrung ist im Digitalisierungsmanagement Gold. In deinem ersten Workshop mit der Fachabteilung musst du erkennen, wenn der Abteilungsleiter dir erzählt, wie ein Prozess idealerweise abläuft, der aber in Wahrheit anders aussieht. Das kannst du nur, wenn du selbst schon einmal in so einer Abteilung gesessen hast und gesehen hast, wie die Lücke zwischen Theorie und Praxis funktioniert.

Zwei Jahre Berufspraxis bringen dir Prozessverständnis aus erster Hand. Du hast selbst Rechnungen gebucht, Bestellungen ausgelöst, Kunden telefoniert. Du weißt, wo es wehtut und warum. Dazu kommt politisches Verständnis, wer in einer Firma wirklich Entscheidungen trifft und wer nur auf dem Organigramm steht, und ein Selbstvertrauen, das man nicht im Kurs lernt.

Wer direkt nach der Ausbildung in den Kurs geht, muss all das im ersten Jahr des neuen Jobs nachholen. Das ist möglich, aber härter.

Drei realistische Wege

Drei Wege funktionieren, abhängig von deiner Ausgangslage.

Der sauberste Weg ist arbeiten, dann Kurs: Du schließt die Ausbildung ab, arbeitest zwei bis drei Jahre im gelernten Beruf, dann machst du die Weiterbildung. Du kommst mit echter Erfahrung in den Kurs und findest danach leichter einen Job. Der Nachteil ist der Zeitverlust. Das ist der Weg, den ich den meisten empfehle.

Den Arbeitgeber ins Boot holen klappt nach einem Jahr im Beruf. Du schlägst deinem Arbeitgeber das Qualifizierungschancengesetz vor. Nach § 82 SGB III kann dein aktueller Betrieb die Weiterbildung finanzieren und dich teilweise freistellen. Die Förderquote richtet sich nach der Unternehmensgröße: bei Kleinstbetrieben unter 10 Mitarbeitern bis zu 100 Prozent der Lehrgangskosten, bei 10 bis 249 Mitarbeitern 50 bis 100 Prozent, bei 250 bis 2.499 Mitarbeitern bis zu 50 Prozent, ab 2.500 Mitarbeitern bis zu 25 Prozent. Das ist der eleganteste Weg, weil du im Betrieb bleibst, Geld verdienst und nach dem Kurs direkt eine neue Rolle im selben Unternehmen bekommst.

Der Direktstart nach Abschluss funktioniert nur mit passender Ausbildung. Wenn du eine sehr nahe Ausbildung gemacht hast (Fachinformatiker, Kaufmann für Büromanagement, Industriekaufmann) und du ohne Job nach der Ausbildung arbeitssuchend bist, kannst du direkt den Bildungsgutschein nach § 81 SGB III beantragen. Die Ermessensleistung wird von deinem Sachbearbeiter bei der Agentur für Arbeit geprüft. Kein Rechtsanspruch, aber realistisch machbar, wenn du die Notwendigkeit und den Nutzen gut begründen kannst.

Details zur Förderung stehen in unserem Beitrag Digitalisierungsmanager über das Arbeitsamt werden.

Das Vorstellungsgespräch direkt nach der Ausbildung

Hier wird es ehrlich. Ein guter Personaler fragt dich nicht “Welche Tools kannst du?”, sondern “Erzähl mir von einem Prozess, den du selbst verbessern wolltest”. Wenn deine Antwort “Das hab ich in der Weiterbildung gelernt” ist, landest du auf Platz drei der Bewerber. Wenn deine Antwort “Als ich in der Ausbildung in der Buchhaltung saß, ist mir aufgefallen, dass wir jede Eingangsrechnung zweimal erfasst haben, einmal im Mailprogramm und einmal in DATEV” ist, landest du auf Platz eins.

Das Muster ist klar: Wer schon im ersten Beruf angefangen hat, mit kritischem Blick Prozesse zu beobachten, hat die beste Ausgangslage. Deshalb mein Rat an Azubis, die wechseln wollen: Nutze dein erstes Berufsjahr nicht nur, um Routine zu lernen, sondern um zu sehen, wo Routine ineffizient ist. Mach dir Notizen. Das wird deine stärkste Waffe im Vorstellungsgespräch.

Mehr zum Thema Bewerbung im Artikel Lebenslauf für den Quereinstieg und Wie du auch ohne Berufserfahrung überzeugst.

Kosten und Finanzierung

Die Weiterbildung kostet ohne Förderung rund 9.662,40 Euro. Mit Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit oder des Jobcenters sind es 0 Euro. Das gilt auch für Ausbildungsabsolventen, die direkt nach der Ausbildung arbeitssuchend gemeldet sind und von ihrem Sachbearbeiter den Gutschein ausgestellt bekommen. Die Voraussetzung ist nicht dein Alter, sondern deine berufliche Situation.

Wer im Betrieb bleibt, geht über das QCG. Wer arbeitssuchend ist, über den Bildungsgutschein. Wer in der Übergangsphase Bürgergeld bezieht, läuft über das Jobcenter nach SGB II. Alle drei Wege führen zum selben Ergebnis: Du zahlst 0 Euro.

Nach dem Kurs liegt das Einstiegsgehalt laut aktuellen Gehaltsreports zwischen 50.000 und 65.000 Euro brutto pro Jahr. Wer direkt nach Ausbildung kommt, landet typischerweise am unteren Ende, weil du wenig Berufserfahrung in den Gehaltsverhandlungen einbringen kannst. Das ist immer noch mehr, als die meisten ersten Jobs direkt nach der Ausbildung zahlen, und die Richtung stimmt.

Häufige Fragen

Ist das Alter wichtig für die Aufnahme in den Kurs? Nein. Es gibt kein Mindestalter und kein Höchstalter. Der jüngste Teilnehmer in meinen Kursen war 19, der älteste 58. Beide haben den Kurs erfolgreich abgeschlossen.

Kann ich die Weiterbildung sofort nach meiner Gesellenprüfung machen? Formal ja. Praktisch solltest du vorher mit einem Berater sprechen. Wenn du aus einem handwerklichen Beruf kommst und noch nie in einem Büro gearbeitet hast, ist der Schritt groß. Ein oder zwei Jahre in einem produktionsnahen Büroumfeld können den Übergang enorm erleichtern.

Was ist, wenn ich meine Ausbildung abbrechen will, um direkt den Kurs zu machen? Schließ die Ausbildung zuerst ab. Ein abgebrochener Lehrvertrag ohne Abschluss macht deine Ausgangslage im Bewerbungsgespräch deutlich schwieriger. Die Weiterbildung läuft dir nicht weg, dein Abschluss hingegen schon.

Brauche ich ein Abitur oder ein Studium? Nein. Weder der Kurs noch die Arbeitgeber fordern das. Was zählt, ist dein Portfolio und deine Kommunikationsfähigkeit im Gespräch. Siehe auch Digitalisierungsmanager werden ohne Studium.

Zählt ein Ausbildungsabschluss als formale Qualifikation für den Kurs? Ein Ausbildungsabschluss ist keine Voraussetzung, aber auch kein Hindernis. Wenn du einen hast, bringt er dir im Bewerbungsgespräch später Punkte, weil er zeigt, dass du einen strukturierten Lernweg erfolgreich abgeschlossen hast.


Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Promovierter Naturwissenschaftler, seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung. Er berät regelmäßig junge Berufseinsteiger, die den nächsten Schritt planen. Mehr über den Autor.

Zuletzt geprüft am 14. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.


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