Warum Praxisprojekte mehr wert sind als Zertifikate
Ein Zertifikat bestätigt, dass du in einem Kurs anwesend warst. Ein Praxisprojekt bestätigt, dass du den Beruf kannst. Deshalb sind Praxisprojekte für den Berufseinstieg als Digitalisierungsmanager mehr wert als die meisten Zertifikate, und deshalb entscheidet dein Portfolio am Ende der Weiterbildung über deine Chancen im Vorstellungsgespräch, nicht dein DEKRA-Siegel.
In meinen Beratungsgesprächen sitzen immer wieder Menschen, die drei oder vier Zertifikate gesammelt haben, und trotzdem keine Einladungen bekommen. Und dann sitzen welche da, die zwei Zertifikate haben, aber ein durchdachtes Portfolio mit drei echten Projekten, und die bekommen innerhalb von vier Wochen Termine. Der Unterschied ist nicht Glück. Der Unterschied ist, dass Personaler und Fachvorgesetzte am Portfolio sofort sehen können, ob jemand den Job tatsächlich machen kann, während ein Zertifikat nur sagt “hat gelernt, was man lernen sollte”.
Warum Zertifikate beim Einstieg weniger zählen
Zertifikate haben einen guten Zweck: Sie geben Arbeitgebern ein Signal, dass jemand ein Curriculum durchlaufen hat. Das ist wichtig, weil ein AZAV-zertifizierter Kurs wie DEKRA bei der Digitalisierungsmanager-Weiterbildung gewisse Mindeststandards garantiert. Der Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit oder des Jobcenters setzt genau diese Zertifizierung voraus, und SkillSprinters hat deswegen eine DEKRA-Trägerzulassung nach AZAV.
Was das Zertifikat aber nicht leistet: Es zeigt nicht, wie du arbeitest. Es zeigt nicht, ob du einen Prozess verständlich aufzeichnen kannst. Es zeigt nicht, ob du einen Workshop moderieren kannst, wenn die IT-Abteilung und das Controlling sich streiten. Es zeigt nicht, ob du ein KI-Tool sauber einführen kannst, ohne dass der Datenschutzbeauftragte interveniert.
Personaler wissen das. Sie haben hunderte Lebensläufe gesehen, auf denen die gleichen Zertifikate stehen. Microsoft AI-900. DEKRA. Scrum Master. Google Data Analytics. Wenn alle Bewerber dieselben Nachweise haben, sagt das Zertifikat nichts mehr aus. Was dich dann unterscheidet, ist das, was du konkret gemacht hast. Und das siehst du nur in einem Portfolio.
Was ein Praxisprojekt ausmacht
Ein Praxisprojekt ist ein Stück Arbeit, das du zeigen kannst. Konkret. Nicht “ich habe einen Kurs zu n8n gemacht”, sondern “ich habe einen Workflow gebaut, der Eingangsrechnungen aus einem E-Mail-Postfach zieht, per OCR ausliest, in einer Liste speichert und zur Freigabe weiterleitet. Hier ist das Diagramm, hier ist der Code-Export, hier ist ein kurzes Video, das zeigt, wie es läuft.”
Gute Praxisprojekte haben fünf Eigenschaften:
- Sie lösen ein echtes Problem. Auch wenn du dir das Problem ausdenkst: Es muss plausibel sein. Ein Prozess, den du aus deinem alten Beruf kennst, funktioniert fast immer.
- Sie zeigen Werkzeug-Einsatz. Mindestens ein KI-Tool, mindestens ein Automatisierungs-Werkzeug, mindestens eine saubere Prozessdokumentation.
- Sie haben ein Vorher und ein Nachher. Wie lief der Prozess vor deiner Lösung, wie läuft er danach, was ist konkret besser geworden.
- Sie sind dokumentiert. Ein Diagramm, eine kurze schriftliche Beschreibung, idealerweise ein Video oder Screenshots. Nichts Perfektes, aber nichts, das du im Gespräch erklären musst, weil niemand versteht, was du gemacht hast.
- Sie sind in Worte zu fassen. Du musst das Projekt in zwei Minuten erzählen können, ohne Fachjargon. Wer das kann, überzeugt im Vorstellungsgespräch, wer es nicht kann, wirkt unsicher.
Mehr zum Aufbau eines ersten Portfolios findest du im Artikel Wie du ein Portfolio aufbaust, bevor du den ersten Job hast.
Zwei Bewerber im Vergleich
Stell dir zwei Bewerber vor.
Bewerber A hat ein DEKRA-Zertifikat, den Microsoft AI-900 Nachweis und einen Google-Data-Analytics-Zertifikat. Er sagt im Gespräch: “Ich habe die Weiterbildung gemacht. Wir haben alle wichtigen Tools angeschaut. Ich kann ChatGPT gut nutzen und habe mit n8n gearbeitet. Ich bin motiviert und lernbereit.”
Bewerber B hat das gleiche DEKRA-Zertifikat, aber zusätzlich ein Portfolio mit drei Projekten. Er sagt im Gespräch: “Ich habe einen Workflow gebaut, der den Eingangsrechnungsprozess eines fiktiven Steuerberatungsbüros von manuell auf halbautomatisiert umstellt. Vorher hat eine Buchhalterin pro Rechnung etwa sieben Minuten gebraucht, nachher zwei. Hier ist das BPMN-Diagramm, hier ist ein kurzes Video. Das zweite Projekt ist ein interner Chatbot, der häufige HR-Fragen beantwortet. Das dritte ist eine Datenauswertung mit einem eigenen Dashboard.”
Wer bekommt den Job? In neun von zehn Fällen Bewerber B. Nicht weil er charmanter ist, sondern weil der Personaler nach dem Gespräch eine konkrete Vorstellung hat, was der Mensch im Alltag bringt. Bei Bewerber A bleibt am Ende nur eine Liste von Zertifikaten, bei Bewerber B bleibt ein Bild im Kopf.
Das ist der zentrale Grund, warum Personaler sich an Bewerbungsgespräche mit Portfolio erinnern und an Gespräche ohne Portfolio selten. Mehr dazu im Artikel Wie du dein Portfolio im Vorstellungsgespräch präsentierst.
Was Arbeitgeber wirklich sagen
Ich habe mit vielen Arbeitgebern gesprochen, die Digitalisierungsmanager einstellen. Die Muster sind erstaunlich ähnlich, egal ob Konzern, Mittelstand oder Beratung.
“Wir wollen jemanden, der uns zeigen kann, was er kann.” Das ist die klarste Aussage. Arbeitgeber wollen nicht raten. Wer im Gespräch ein Portfolio öffnet und durchklickt, nimmt dem Personaler die Arbeit ab.
“Wir wollen jemanden, der versteht, was wir brauchen.” Praxisprojekte sind der beste Beweis, dass jemand Probleme nicht nur analysieren, sondern lösen kann. Ein fertiges Projekt ist Denken plus Umsetzung, also genau das, was im Job passiert.
“Wir wollen keinen, der nur Kurse sammelt.” Quereinsteiger, die vier Kurse in zwei Jahren gemacht haben, ohne je etwas Eigenes zu bauen, wirken wie Sammler, nicht wie Macher. Das ist ein Warnsignal.
Laut Bitkom-Befragung zur KI-Adoption ist die größte Hürde bei Unternehmen bei der Einführung von KI die fehlende Kompetenz im eigenen Haus. Über fünfzig Prozent der Unternehmen nennen das als Hauptgrund. Wer im Bewerbungsgespräch zeigen kann, dass er diese Lücke füllt, hat einen Vorteil, den keine Liste von Zertifikaten ersetzt.
Welche Zertifikate trotzdem sinnvoll sind
Nicht jedes Zertifikat ist wertlos. Manche haben konkreten Nutzen beim Berufseinstieg, wenn sie im Kontext eines Portfolios auftauchen. Eine kurze Orientierung:
| Zertifikat | Nutzen beim Einstieg | Ohne Portfolio |
|---|---|---|
| DEKRA DigiMan (AZAV) | Hoch, weil formale Voraussetzung für Bildungsgutschein und anerkannt bei Arbeitsamt und Jobcenter | Begrenzt |
| Microsoft AI-900 Fundamentals | Mittel, zeigt Grundverständnis der Azure-KI-Welt | Begrenzt |
| EU AI Act Sachkundenachweis (Art. 4 KI-VO) | Hoch, weil mit Geltung ab Februar 2025 in Unternehmen relevant geworden | Begrenzt |
| Prompt Engineering Nachweis | Mittel, weil jung und noch wenig standardisiert | Sehr begrenzt |
| Portfolio-Zertifikat | Hoch, weil es direkt auf deine eigenen Projekte verweist | Gibt es nur mit Portfolio |
Was auffällt: Alle Zertifikate werden durch ein Portfolio aufgewertet. Ohne Portfolio liegen sie nebeneinander wie Urkunden im Ordner. Mit Portfolio sind sie der formale Rahmen, der zeigt, wo deine Projekte herkommen und auf welchem Standard du arbeitest.
Das DEKRA-Zertifikat nach AZAV ist besonders, weil es eine formale Voraussetzung ist. Ohne diese Zertifizierung könnte SkillSprinters gar keinen Bildungsgutschein annehmen. Das heißt, wer über das Arbeitsamt oder das Jobcenter kommt, bekommt das DEKRA-Zertifikat automatisch, weil es an der Trägerzulassung hängt.
Das Portfolio während der Weiterbildung aufbauen
Das ist der zentrale Punkt, und er wird oft zu spät angegangen. Wer erst nach dem Kurs anfängt, Projekte zu sammeln, hat das Momentum verloren. Wer während des Kurses parallel baut, geht mit einem fertigen Portfolio in die Bewerbungsphase.
In Woche eins bis vier hältst du dich an die Kursinhalte. Bau die Übungsaufgaben aus Modul 2 (Prozessaufnahme und Modellierung) nicht nur fürs Abhaken, sondern fürs Zeigen. Dokumentiere jeden Schritt. Mach Screenshots. Schreib kurze Erklärungen dazu.
In Woche fünf bis zehn suchst du dir einen realen Prozess aus deinem alten Beruf. Wenn du aus der Buchhaltung kommst, nimm Eingangsrechnungen. Aus dem Vertrieb, nimm Lead-Nachverfolgung. Aus der Pflege, nimm Dienstplanerstellung. Zeichne den Ist-Zustand mit BPMN, analysiere Schwachstellen, entwirf einen Soll-Zustand.
In Woche elf bis sechzehn setzt du einen Teil deines Soll-Zustands um. Nutze die Werkzeuge aus Modul 4 bis 8 (KI-Grundlagen, No-Code, Chatbots). Es muss nicht produktionsreif sein. Es muss funktionieren und dokumentiert sein. Das Abschlussprojekt aus Modul 13 ist dafür ideal, aber du kannst parallel ein zweites kleineres Projekt bauen.
Am Ende hast du zwei oder drei echte Projekte, alle mit Vorher-Nachher, alle mit Dokumentation, alle in zwei Minuten erklärbar. Das ist dein Portfolio. Das ist dein Gesprächs-Öffner. Das ist der Grund, warum dich jemand einlädt, obwohl du gestern noch in einem ganz anderen Beruf gearbeitet hast.
Mehr zum Alltag des Berufs, den du in deinen Projekten simulieren kannst, findest du im Pillar-Artikel zum Digitalisierungsmanager. Und wer aus einem ganz bestimmten Beruf kommt, findet Ideen im Artikel Vom Buchhalter zum Digitalisierungsmanager.
Schon vor dem Kurs starten
Du kannst schon heute anfangen, ein Mini-Portfolio zu bauen. Zwei Dinge reichen für einen Start.
Wähle einen Prozess aus deinem Alltag, der nervt. Du tippst jeden Monat manuell Belege in eine Excel-Tabelle. Oder du beantwortest im Ehrenamt immer wieder dieselben E-Mails. Zeichne den Prozess auf, so wie du ihn heute machst, mit Stift und Papier oder mit einem kostenlosen Diagramm-Tool.
Dann probierst du ein kostenloses KI-Werkzeug aus. Der kostenlose Schnupperkurs von SkillSprinters ist ein guter Einstieg, weil er in wenigen Tagen zeigt, was ChatGPT, Claude und n8n leisten und wie du sie kombinierst. Probiere, ob du mit einem dieser Tools den Prozess oben verkürzen kannst.
Das Ergebnis ist kein fertiges Portfolio, aber es ist der Beweis, dass du arbeiten kannst, nicht nur lernen. Und das ist bereits mehr als neunzig Prozent der Quereinsteiger vorweisen können, die nach zwei bis drei Jahren Orientierung immer noch zögern.
Häufige Fragen zu Praxisprojekten und Zertifikaten
Brauche ich einen echten Auftraggeber, damit ein Projekt im Portfolio zählt? Nein. Für den Berufseinstieg reichen fiktive Projekte, wenn sie plausibel und gut dokumentiert sind. Personaler wissen, dass Quereinsteiger selten echte Aufträge haben, bevor sie den ersten Job bekommen. Was sie sehen wollen, ist der Denkprozess: Problem erkannt, Werkzeug gewählt, Lösung gebaut, Ergebnis dokumentiert.
Wie viele Projekte soll mein Portfolio haben? Zwei bis drei gute Projekte reichen aus. Mehr wird unübersichtlich, weniger wirkt dünn. Wichtiger als die Anzahl ist die Unterschiedlichkeit. Idealerweise deckst du drei Bereiche ab: Prozessanalyse mit Dokumentation, ein KI-Tool-Einsatz, und eine Datenauswertung oder ein Chatbot.
Soll ich mein Portfolio als PDF oder als Website zeigen? Beides funktioniert. Ein PDF ist schneller zu erstellen und kannst du einfach an Bewerbungen anhängen. Eine einfache Website wirkt professioneller und zeigt, dass du dich mit digitalen Werkzeugen auskennst. Für den Start reicht ein PDF, später kannst du eine Website dazubauen.
Was, wenn meine Projekte im Kurs alle gleich sind wie die der Mitschüler? Dann passe sie an. Wähle einen anderen Prozess, eine andere Branche, einen anderen Tool-Mix. Die Kursübungen sind der Startpunkt, nicht das Endprodukt. Wer die Vorlage einfach kopiert, hat kein Portfolio, sondern eine Hausaufgabe.
Gibt es einen Moment, in dem Zertifikate wichtiger sind als Praxisprojekte? Ja, in zwei Fällen. Erstens beim Bildungsgutschein: Hier muss der Träger zertifiziert sein, sonst zahlt die Agentur nicht. Zweitens bei Konzernen mit strengen HR-Vorfiltern, die formal einen Bachelor oder ein bestimmtes Zertifikat verlangen. In diesen Fällen entscheidet das Zertifikat über die Einladung, das Portfolio dann über den Job.
Über den Autor
Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Promovierter Naturwissenschaftler, seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung. In seinen Beratungsgesprächen erklärt er regelmäßig, warum ein Portfolio im Bewerbungsgespräch schwerer wiegt als die Liste der Zertifikate auf Seite drei des Lebenslaufs. Mehr über den Autor.
Zuletzt geprüft am 14. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.
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