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Digitalisierungsmanager werden

Portfolio aufbauen ohne echten Auftraggeber

· 10 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Quereinsteiger am Laptop im Home Office, arbeitet an einem selbstdefinierten Projekt, Notizblock daneben

Du kannst als Quereinsteiger ein glaubwürdiges Portfolio für den Digitalisierungsmanager-Job aufbauen, auch ohne echten Auftraggeber. Die vier stärksten Wege sind: eigene Prozesse automatisieren, Open-Source-Beiträge leisten, öffentliche Daten analysieren und klar gekennzeichnete fiktive Fallstudien schreiben. Der Trick ist nicht, so zu tun, als hätte es einen Kunden gegeben. Der Trick ist, aus dem Material, das du ohnehin hast, etwas zu machen, was deine Fähigkeiten sichtbar belegt.

In meinen Kursen erlebe ich regelmäßig, dass Teilnehmer sich in Bewerbungen klein machen, weil sie noch kein Firmenprojekt vorzuweisen haben. Das ist unnötig. Arbeitgeber wissen, dass Quereinsteiger am Anfang keinen Firmenkunden haben. Was sie sehen wollen, ist Eigeninitiative, strukturiertes Denken und ein realistisches Ergebnis. Das lässt sich mit allem zeigen, was du in der Weiterbildung und in deinem Alltag ohnehin gemacht hast.

Das Portfolio schlägt das Zertifikat

Ein Zertifikat sagt: Ich habe einen Kurs besucht und bestanden. Ein Portfolio sagt: Ich kann etwas liefern und das ist der Beweis. Recruiter und Hiring Manager im Digitalisierungsbereich sehen täglich Lebensläufe mit Zertifikaten. Was sie unterscheidet, ist das, was du konkret mitbringst.

Studien zum Bewerbungsverhalten, etwa der Digitalisierungsindex der DIHK, zeigen seit Jahren, dass Unternehmen bei der Einstellung von Digitalisierungsrollen auf Praxis-Erfahrung und Projektbeispiele stärker achten als auf formale Abschlüsse. Der Artikel Praxisprojekte sind wichtiger als Zertifikate geht darauf im Detail ein.

Aus meiner Beratungspraxis weiß ich: Bewerber, die ein Portfolio mit drei bis fünf klar beschriebenen Projekten mitbringen, werden fast immer zum Gespräch eingeladen. Bewerber mit langem Zertifikatsbereich und ohne Portfolio werden häufiger aussortiert. Der Grund ist einfach: Die Entscheider wollen wissen, ob du liefern kannst, und das Portfolio ist der direkteste Beweis.

Eigene Prozesse als Portfolio-Projekt

Der einfachste Weg zu einem echten Projekt führt über dein eigenes Leben. Du hast Tätigkeiten, die du regelmäßig manuell erledigst und die sich automatisieren lassen. Genau das ist der Stoff, aus dem gute Portfolio-Projekte gemacht sind.

Konkrete Ideen, die auch ohne Entwickler-Hintergrund funktionieren:

  • Rechnungsablage automatisieren: PDF-Rechnungen im E-Mail-Postfach erfassen, Betrag und Datum extrahieren, in einer Tabelle ablegen, umbenennen, archivieren. Mit n8n oder Power Automate gut machbar.
  • Newsletter-Inbox filtern: eingehende Newsletter nach Thema sortieren, Highlights zusammenfassen, in einer Datenbank speichern.
  • Preisvergleich für einen regelmäßigen Einkauf, etwa Strompreise, Lebensmittelpreise oder Versicherungsangebote. Daten sammeln, vergleichen, visualisieren.
  • Persönliche Buchhaltungs-Übersicht: Konto-Umsätze importieren, Kategorisierung mit einfachen Regeln, monatlicher Bericht als PDF.

Wichtig: Dokumentiere das Projekt sauber. Problem, Lösung, eingesetzte Tools, Aufwand, Ergebnis. Ein Screenshot des fertigen Workflows und ein Vorher-Nachher-Vergleich reichen. Mehr braucht es nicht, um daraus ein Portfolio-Stück zu machen.

Open-Source-Beiträge ohne Programmierkenntnisse

Open Source ist nicht nur Code. Viele Open-Source-Projekte brauchen Hilfe bei Dokumentation, Übersetzung, Tutorials, Beispielen und Fehlerberichten. Das sind Aufgaben, die ein Digitalisierungsmanager gut beitragen kann und die sichtbar bleiben.

Was konkret möglich ist:

  • Dokumentation verbessern: Wenn du ein Open-Source-Tool nutzt und die Doku unklar findest, schreib eine bessere Version und reiche sie ein. Die meisten Projekte nehmen solche Beiträge dankbar an.
  • Tutorials schreiben: ein kurzer Blog-Post oder ein GitHub-README, das erklärt, wie man das Tool für einen konkreten Zweck einsetzt. Das zitiert später im Idealfall jemand.
  • Bug-Reports sauber stellen: ein gut geschriebener Fehlerbericht mit Reproduktionsweg und Screenshots ist wertvolle Arbeit und zeigt methodisches Denken.
  • Integrationsbeispiele veröffentlichen: Wenn du zwei Tools verbunden hast (zum Beispiel n8n mit einer CRM-API), dokumentier das Ergebnis und stell es auf GitHub ein.

All das landet unter deinem GitHub-Profil, wird öffentlich sichtbar und ist im Bewerbungsgespräch ein konkretes Gesprächsthema. Du musst nicht zehn Beiträge haben, drei reichen.

Öffentliche Daten für Analyse-Projekte

Deutschland hat eine wachsende Zahl öffentlich verfügbarer Datensätze, die du für Analyse-Projekte nutzen darfst. Der Umfang und die Qualität ist ausreichend, um interessante Projekte zu bauen.

DatenquelleWas du dort findestNutzungsrecht
destatis.deBevölkerung, Wirtschaft, Arbeit, PreiseFreie Nutzung mit Quellenangabe
govdata.deZentrale Portal für Open Data aus Bund und LändernMeist CC-BY oder Public Domain
bundesagentur-für-arbeit.deArbeitsmarkt, Fachkräfte, BranchenFrei nutzbar
bmwk.deWirtschaftsdaten, FörderprogrammeFrei nutzbar
eur-lex.europa.euEU-Gesetzgebung und BegleitdatenFrei nutzbar

Ein Portfolio-Projekt daraus könnte sein: “Wie hat sich der Fachkräftemangel im IT-Bereich in Bayern von 2020 bis 2025 entwickelt?” Du ziehst Daten von der Bundesagentur für Arbeit, bereitest sie auf, visualisierst und schreibst einen Kommentar dazu. Das zeigt Datenkompetenz, Fragestellung und Präsentation in einem Aufwasch.

Achte bei öffentlichen Daten auf die Lizenz. Die meisten sind frei nutzbar, aber die Quelle muss genannt werden. Das ist kein Beinbruch, im Gegenteil, das wirkt professionell.

Fiktive Fallstudien ehrlich aufsetzen

Fiktive Fallstudien sind ein heikles Feld. Wenn du so tust, als wäre es ein echter Kunde gewesen, ist das Betrug und fällt spätestens im Gespräch auf. Wenn du aber klar kennzeichnest, dass es ein hypothetisches Szenario ist, kannst du deine Denkweise zeigen, ohne jemanden zu täuschen.

Die Regeln für faire fiktive Fallstudien:

  • Kennzeichnung im Titel: “Fiktive Fallstudie” oder “Szenario-Analyse” direkt oben.
  • Plausibles Szenario: ein mittelständischer Handwerksbetrieb in Süddeutschland mit 30 Mitarbeitern, der seine Auftragsabwicklung digitalisieren will. Das ist realistisch und gut erkundbar.
  • Recherche-basiert: deine Annahmen sollten auf öffentlichen Quellen beruhen. Wenn du schreibst, dass der Betrieb jährlich eine bestimmte Anzahl Aufträge hat, leite das aus Branchenstudien ab.
  • Klare Methodik: Wie würdest du an das Projekt herangehen? Welche Workshops, welche Tools, welche Schritte?
  • Realistische Grenzen: Was könnte schief gehen? Welche Risiken siehst du? Das zeigt, dass du nicht naiv bist.

Ein gutes Beispiel wäre eine fiktive Fallstudie über die Einführung eines CRM-Systems in einer kleinen Anwaltskanzlei, mit Analyse des Bedarfs, Vorschlag für das passende Tool, Roll-out-Plan und Hinweisen zum Datenschutz. Das ist ein paar Stunden Arbeit und ergibt ein Portfolio-Stück, mit dem du im Gespräch sofort etwas anfangen kannst.

Dein Portfolio sichtbar machen

Das beste Portfolio bringt nichts, wenn niemand es findet. Drei Präsentationsformen haben sich bewährt.

Ein GitHub-Profil ist auch für nicht-technische Digitalisierungsmanager sinnvoll. Du kannst dort Markdown-Dokumente, Screenshots und Diagramme hosten. Das Profil ist zudem ein Hinweis darauf, dass du dich in der Welt der Entwickler zurechtfindest, ohne selbst Entwickler zu sein.

Eine eigene Landing Page mit drei bis fünf Projekten, kurzer Bio und Kontaktmöglichkeit reicht vollkommen. Keine aufwendige Agentur, kein komplexes CMS. Ein statisches Tool ist genug.

LinkedIn-Artikel haben den Zusatznutzen, dass Hiring Manager dich so leichter finden. Jedes Projekt kannst du als kurzen Artikel veröffentlichen. Auch hier gilt: Drei gute Artikel sind besser als zwölf mittelmäßige.

Wie du die einzelnen Projekte im Bewerbungsgespräch einsetzt, beschreibt der Artikel Portfolio präsentieren. Welche Tools du dafür überhaupt brauchst, erklärt der Artikel ChatGPT oder Claude im Beruf.

Die richtige Anzahl an Projekten

Drei bis fünf Projekte reichen für den Einstieg. Mehr überfordert Hiring Manager, weniger wirkt dünn. Die Mischung ist wichtig: Jedes Projekt sollte einen anderen Aspekt deines Profils abdecken.

Eine gute Kombination:

  • Ein Automatisierungs-Projekt aus deinem eigenen Alltag (n8n, Power Automate, Zapier)
  • Ein Analyse-Projekt mit öffentlichen Daten (destatis, govdata)
  • Ein Dokumentations- oder Tutorial-Beitrag (GitHub, Blog)
  • Eine fiktive Fallstudie als Ganzes-Projekt-Denkübung
  • Optional ein KI-Projekt mit Prompt-Engineering oder einfacher Chatbot-Integration

Das sind realistische Projekte, die du in der Weiterbildung zum Digitalisierungsmanager neben dem Pflichtstoff aufbauen kannst, ohne dich zu überfordern. Der DigiMan-Kurs gibt dir über Modul 13 (Abschlussprojekt) ohnehin ein Portfolio-Stück in die Hand, das direkt einsetzbar ist.

Häufige Fragen zum Portfolio-Aufbau

Darf ich Screenshots aus meiner Kurs-Übung verwenden? Ja, wenn du dazuschreibst, dass es eine Kurs-Übung war. Das ist ehrlich und wertet nichts ab. Jeder weiß, dass Quereinsteiger mit Übungsprojekten anfangen.

Was, wenn ich Angst habe, dass meine Projekte nicht gut genug sind? Das ist normal. Die Lösung ist: Hol dir Feedback. In der Weiterbildung bekommst du das von Dozenten und Mitlernenden. Im Bewerbungsgespräch darfst du offen sagen: “Das ist meine erste Version, ich bin für Feedback offen.” Das wirkt selbstbewusst und ehrlich.

Sollen Projekte auf Deutsch oder Englisch sein? Deutsch für den deutschen Arbeitsmarkt, Englisch wenn du international arbeiten willst. Beides ist legitim. Was du nicht machen solltest: Wild mischen innerhalb eines Dokuments.

Wie lange dauert es, ein Portfolio aufzubauen? Für drei solide Projekte rechne mit insgesamt 20 bis 40 Stunden über mehrere Wochen verteilt. Das ist neben einer Weiterbildung gut machbar und ergibt am Ende ein echtes Bewerbungsmittel.

Lohnt es sich, ein Portfolio auch nach dem ersten Job zu pflegen? Ja. Aber dann mit echten Projekten statt fiktiven Fallstudien. Das Portfolio ist dein mittelfristiger Karriere-Begleiter, nicht nur ein Einstiegsmittel. Was danach kommt, liest du in Weiter entwickeln nach dem Kurs.


Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Promovierter Naturwissenschaftler, seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung, aktiver Kursleiter und Berater für Quereinsteiger. Er begleitet Teilnehmer durch den Portfolio-Aufbau und bewertet Abschlussprojekte in Modul 13. Mehr über den Autor.

Zuletzt geprüft am 14. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.


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