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Digitalisierungsmanager werden

Stakeholder-Kommunikation: der unterschätzte Skill

· 10 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Frau erklärt zwei Kollegen an einem Tisch etwas, offener Laptop, ruhige Besprechungsatmosphäre

Stakeholder-Kommunikation ist der wichtigste Skill eines Digitalisierungsmanagers, wichtiger als jedes technische Tool und jedes Zertifikat. Dein Job besteht zu einem großen Teil darin, zwischen Fachabteilung, IT, Geschäftsführung, Betriebsrat und Endnutzern zu übersetzen. Wer das kann, wird gebraucht. Wer es nicht kann, baut Systeme, die niemand versteht und niemand nutzt. Dieser Skill lässt sich lernen, aber nur durch Praxis.

In meinen Kursen ist das die Erkenntnis, die Teilnehmer am häufigsten überrascht. Sie sind sicher, dass sie ChatGPT, n8n und BPMN lernen müssen, und unterschätzen, dass der eigentliche Flaschenhals in den ersten Monaten die Kommunikation ist. Aus der Beratungspraxis weiß ich: Die erfolgreichsten Digitalisierungsmanager sind selten die technisch besten. Sie sind die, die am geduldigsten zuhören und am klarsten erklären.

Wer sind deine Stakeholder überhaupt?

Bevor du kommunizieren kannst, musst du wissen, mit wem du es zu tun hast. In fast jedem Digitalisierungsprojekt gibt es die gleichen fünf Gruppen, auch wenn sie unterschiedlich heißen.

StakeholderWas sie wollenWas sie fürchten
GeschäftsführungZahlen, ROI, ZeitplanBudgetüberschreitung, Gesichtsverlust
FachabteilungBessere Prozesse im AlltagKontrollverlust, Mehraufwand
IT-AbteilungStabilität, Sicherheit, ArchitekturTechnische Schulden, Wartungslast
BetriebsratMitbestimmung, BeschäftigtenrechteÜberwachung, Arbeitsplatzabbau
EndnutzerDass das neue System nicht nerviger ist als das alteSchulungen, Fehler, Zeitverlust

Dein Job ist nicht, allen zu gefallen. Dein Job ist, zu verstehen, was jeder braucht, und die Erwartungen so zu managen, dass am Ende alle mit dem Ergebnis leben können. Das ist anstrengender als Technik, weil es nie fertig ist.

Die Übersetzung zwischen Fach und IT entscheidet Projekte

Das zentrale Problem in Digitalisierungsprojekten ist, dass Fachabteilung und IT zwei verschiedene Sprachen sprechen und oft nicht merken, dass sie aneinander vorbeireden. Die Fachabteilung sagt “wir brauchen einen Bericht”, meint aber “wir brauchen eine Excel-Datei, die wir manuell anpassen können”. Die IT hört “Bericht” und baut ein PowerBI-Dashboard, das die Fachabteilung dann nicht benutzt.

Als Digitalisierungsmanager bist du derjenige, der diese Lücke früh schließt. Dein Werkzeug ist die Rückfrage. Konkret heißt das:

  • Wenn die Fachabteilung ein Wort benutzt, frag nach, was sie darunter versteht
  • Lass dir den aktuellen Prozess zeigen, nicht nur beschreiben
  • Frag, was passiert, wenn etwas schief läuft
  • Frag, wer die Entscheidung trifft, wenn es strittig wird

Aus meiner Beratungspraxis weiß ich, dass drei Viertel aller Missverständnisse in der ersten Woche entstehen und erst Monate später sichtbar werden. Die Anforderungsanalyse ist nicht der bürokratische Pflichtteil, sondern der wichtigste Teil des Projekts. Mehr zu dem Thema steht im Artikel zu Praxisprojekten und was sie wirklich zeigen.

Wie führst du ein gutes Kickoff-Gespräch?

Das Kickoff-Gespräch entscheidet über das Klima des gesamten Projekts. Wenn es schief läuft, bekommst du das nie wieder eingefangen. Ein paar Prinzipien helfen, auch beim ersten Mal gut durchzukommen.

Hör mehr zu als du redest. Als neuer Digitalisierungsmanager ist die Versuchung groß, mit einer fertigen Lösung reinzugehen und sie zu verkaufen. Mach es andersherum. Frag nach dem Problem, nach dem aktuellen Zustand, nach bisherigen Versuchen. Erst wenn die Stakeholder selbst ihre Schmerzen auf den Tisch gelegt haben, bringst du Lösungsideen.

Schreib das Gehörte sichtbar mit. Ein Whiteboard oder ein geteiltes Dokument, auf dem du mitschreibst, zwingt dich, das Gesagte zu verdichten, und gibt den Stakeholdern die Chance zu korrigieren, wenn du etwas falsch verstehst. Das ist einfacher als es klingt und wirkt nach.

Und ende mit klarer Ableitung. “Ich habe von euch drei Schmerzpunkte mitgenommen: A, B, C. In der nächsten Woche melde ich mich mit einem Vorschlag, wie wir bei A anfangen.” Damit gehen die Stakeholder mit dem Gefühl raus, gehört worden zu sein und konkrete nächste Schritte zu haben.

Technische Projekte gegenüber der Geschäftsführung erklären

Die Geschäftsführung hat wenig Zeit, wenig technisches Detailwissen und viel Verantwortung für Zahlen. Dein Report an sie muss kurz, klar und auf Nutzen fokussiert sein. Ein technisches Deep Dive ist kontraproduktiv.

Was funktioniert:

  • Eine Folie oder ein Absatz: Problem, Lösung, Kosten, Zeitplan, Risiken
  • Konkrete Zahlen statt vager Versprechen (drei Personentage Aufwand, 8.000 Euro Lizenzkosten pro Jahr)
  • Einen Rückfallpfad beschreiben (was passiert, wenn wir das Projekt abbrechen)
  • Explizit sagen, welche Entscheidung du von der Geschäftsführung brauchst

Was nicht funktioniert: Ein 40-seitiges Konzeptpapier, das alle Details abdeckt, aber keine klare Frage stellt. Die Geschäftsführung liest das nicht und trifft keine Entscheidung. Du stehst nach zwei Wochen mit leeren Händen da.

Das Tagesgeschäft rund um solche Reports beschreibt der Artikel Tagesablauf eines Digitalisierungsmanagers.

Mit der IT auf Augenhöhe arbeiten

IT-Abteilungen haben einen schlechten Ruf in Fachbereichen (zu langsam, zu restriktiv), weil ihre Anreize andere sind. Die IT wird an Stabilität und Sicherheit gemessen, nicht an Innovationsgeschwindigkeit. Wer das versteht, arbeitet besser mit ihr zusammen.

Drei Regeln, die den Umgang spürbar erleichtern.

Frag früh. Ein Tool, das du ohne IT auswählst, wird später entweder nicht freigegeben oder auf wackligen Füßen betrieben. Die IT will nicht gefragt werden, wenn alles schon entschieden ist. Sie will am Anfang dabei sein.

Sprich ihre Sprache. Wenn du mit der IT über ein neues SaaS-Tool redest, sind die relevanten Fragen: Wo liegen die Daten, welche Schnittstellen, welches Authentifizierungsverfahren, welche SLAs, welche Vertragslaufzeit, welcher Exit-Plan. Wenn du das nicht vorbereitet hast, wirst du zurückgeschickt.

Und wenn Nein, dann Alternative. Wenn die IT ein Tool ablehnt, akzeptier das nicht passiv. Frag: “Was wäre aus eurer Sicht eine Alternative, mit der wir das gleiche Ziel erreichen?” Das öffnet das Gespräch und verschiebt dich von Bittsteller zu Partner.

Wie gehst du mit Widerstand um?

Widerstand ist normal und sollte nicht als persönlicher Angriff gewertet werden. Die meisten Widerstände sind rational aus Sicht der Person, die widerspricht. Deine Aufgabe ist, die dahinterliegende Sorge herauszuhören und ernst zu nehmen.

Typische Widerstandsformen und wie du darauf reagierst:

  • “Das haben wir schon mal versucht und ist gescheitert.” Frag nach: Was genau, wann, warum ist es gescheitert? Oft lernst du dabei mehr als in jeder Doku.
  • “Das ist zu teuer.” Frag nach: Im Vergleich wozu? Welches Budget ist vorgesehen? Manchmal ist das nur eine Verhandlungsposition.
  • “Wir haben keine Zeit.” Ernst nehmen. Oft ist das wahr. Frag, wann der bessere Zeitpunkt wäre, statt zu drängeln.
  • “Das bringt nichts.” Das ist selten ein inhaltliches Argument, sondern oft Resignation. Such das Einzelgespräch, nicht das Plenum.

Zum Umgang mit strukturellem Widerstand im Projekt steht mehr im Artikel Change Management am Anfang.

Stakeholder über längere Zeit im Projekt halten

Ein Projekt von drei bis sechs Monaten verliert ohne regelmäßige Kommunikation an Traktion. Die Stakeholder vergessen, worum es ging, und andere Themen überlagern das Projekt. Dein Job ist, das zu verhindern.

Was in der Praxis funktioniert:

  • Wöchentlicher Statusbericht mit drei Abschnitten: Was wurde erledigt, was kommt als Nächstes, wo brauche ich Entscheidungen. Maximal eine Seite.
  • Monatliches Steuerungsmeeting mit den wichtigsten Stakeholdern, 45 Minuten, klar strukturiert, mit Vorbereitung.
  • Informelle Gespräche zwischendurch. Kaffeeküche, Einzeltermin, kurzer Anruf. Das ist kein Luxus, sondern zentrale Beziehungsarbeit.

Die Mischung aus formellen Formaten und informellen Gesprächen ist entscheidend. Wer nur formelle Meetings macht, wirkt bürokratisch. Wer nur informell redet, verliert den Überblick und die Nachvollziehbarkeit.

Häufige Fragen zur Stakeholder-Kommunikation

Muss ich introvertierte Persönlichkeiten abgeben als Digitalisierungsmanager? Nein. Viele erfolgreiche Digitalisierungsmanager sind introvertiert. Was zählt, ist die Bereitschaft, auf Menschen zuzugehen und sich auf deren Perspektive einzulassen. Das lernt man, unabhängig davon, ob man aus einer Party schnell raus will oder nicht.

Wie lerne ich Stakeholder-Kommunikation, wenn ich Quereinsteiger bin? Durch Praxisprojekte im Kurs (viele Rollenspiele, Fallstudien, Übungsgespräche), durch eigene Erfahrung im ersten Job und durch aufmerksames Beobachten von Kollegen, die es gut machen. Kein Zertifikat ersetzt das.

Was, wenn ich mit einer Führungskraft nicht klarkomme? Erstmal nicht persönlich nehmen. Dann versuchen, in einem Vier-Augen-Gespräch herauszufinden, was genau das Problem ist. Wenn es sich nicht lösen lässt, rechtzeitig eskalieren, statt jahrelang zu leiden. Aber erst nach ehrlichem Versuch.

Welche Bücher helfen? “Crucial Conversations” von Patterson ist Standard in vielen internationalen Trainings. “Miteinander reden” von Schulz von Thun ist deutschsprachig und tiefer. Beide lesen sich schnell und helfen sofort.

Brauche ich Rhetorik-Training? Nein, nicht am Anfang. Ein teures Rhetorik-Seminar bringt wenig, wenn du nicht verstehst, worum es den Stakeholdern geht. Erst zuhören lernen, dann reden. Das ist die Reihenfolge.


Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Promovierter Naturwissenschaftler, seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung, aktiver Kursleiter und Berater für Quereinsteiger. Er trainiert in seinen Kursen die Stakeholder-Kommunikation in Rollenspielen und begleitet Absolventen in ihre ersten Projekte. Mehr über den Autor.

Zuletzt geprüft am 14. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.


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